Wurzelbrut, Stockausschlag und Schneitelung

Stockausschlag bei Linde

Wurzelbrut

Als Wurzelbrut (auch Wurzelaustrieb oder Wurzelausschlag) werden Pflanzentriebe bezeichnet, die aus Adventivknospen an oberflächennah wachsenden Wurzeln entstehen. Die Bildung dieser Wurzelsprosse wird zumeist durch eine Störung im Wuchsstoffhaushalt der Pflanze initiiert.

Nach einer mechanischen Verwundung des Wurzelsystems bilden unter anderem Linden und Ulmen Wurzelbrut. Ohne vorherige Verwundung tritt dieses Phänomen regulär bei der Edelkastanie, der Espe, bei diversen Pappeln der Sektion Populus, der Robinie, dem Speierling sowie bei einigen Weiden auf. Eine äußerst geringe bis fehlende Neigung zur Wurzelbrut zeigen hingegen Berg- und Spitz-Ahorn, Eichen, die Gemeine Esche, die Rotbuche und die Hainbuche.

Stockausschlag

Stockausschlag bezeichnet neu austreibende Sprossachsen, die nach dem Verlust des Haupttriebes (z. B. durch Fällung oder Bruch) aus dem verbleibenden Baumstumpf (dem „Stock“) wachsen. Diese Regenerationsfähigkeit besitzen nahezu alle Sträucher (wie die Hasel) sowie zahlreiche Laubbaumarten, darunter Erle, Weide, Pappel, Robinie, Hainbuche, Eiche und Linde. Bei Nadelbäumen ist diese Eigenschaft selten und kommt vorwiegend bei der Eibe oder dem Küstenmammutbaum vor.

Die Triebe entwickeln sich aus schlafenden Augen (Proventivknospen) des Stammrests. Die Austriebsrate ist nach einer Fällung im Winter am höchsten. Da die entstehenden Stämme forstwirtschaftlich meist von geringerer Qualität sind, wird Stockausschlag heute vorwiegend in Kurzumtriebsplantagen oder bei der Pflege von Schutzhecken genutzt. Historisch bildete er die Grundlage für die Bewirtschaftungsformen des Nieder- und Mittelwaldes.

Bei der Knick- und Heckenpflege („auf den Stock setzen“) werden Gehölze periodisch bodennah zurückgeschnitten, um durch den erzwungenen Stockausschlag ein Verkahlen der unteren Bereiche zu verhindern und die Windschutzfunktion zu erhalten.

Schneitelung

Die Schneitelung ist eine historische Form des Baumrückschnitts, die vorwiegend der Gewinnung von Laubheu (Raufutter für Nutztiere) sowie von Einstreu diente. Diese Praxis ist seit der Jungsteinzeit belegt. Neben der Futtergewinnung reduzierte der Rückschnitt die Beschattung angrenzender landwirtschaftlicher Flächen. Es werden vier methodische Ansätze unterschieden:

  • Astschneitelung: Das Abtrennen belaubter Zweige zur Gewinnung von Futter, Brenn- oder Flechtholz.
  • Kopfschneitelung: Der Rückschnitt des Stammes in Brusthöhe (Kopfbaumschnitt). Dies verhinderte den Verbiss des jungen Austriebs durch Weidevieh oder Wild. Typische Resultate sind Kopflinden und Kopfweiden.
  • Laubschneitelung: Das manuelle Abstreifen von Laubzweigen zur Trocknung als Winterfutter, historisch häufig praktiziert bei Esche und Hainbuche.
  • Stockschneitelung: Der bodennahe Rückschnitt (auf den Stock setzen). Der resultierende Stockausschlag definiert die Niederwaldwirtschaft.

Bei der Kopfschneitelung von Weiden wird der Stamm auf 1 bis 2 Metern Höhe abgetrennt. Die sich dort bildenden Triebe wurden historisch für die Korbwarenherstellung genutzt. Um ein Auseinanderbrechen des Baumes durch das Eigengewicht der nachwachsenden Äste zu verhindern, erfordert eine Kopfweide einen regelmäßigen, mehrjährigen Rückschnitt.

Im Alpenraum wurde bis ins frühe 20. Jahrhundert insbesondere die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) in der Schneitelwirtschaft als Futterbaum kultiviert. Das Abtrennen der Triebe erfolgte dabei traditionell mit einer Praxe, einem massiven historischen Schneidwerkzeug.

Stockausschlag & Wurzelbrut
Kopfweiden