Ölrettich – Erkennen und Nutzen
Steckbrief, Bilder & Beschreibung der Ackerpflanze/Feldfrucht (bzw. Zwischenfrucht) sowie ihr Nutzen für Ernährung und Gesundheit
Der Ölrettich (Raphanus sativus var. oleiformis), in der landwirtschaftlichen Praxis oft treffend als Meliorationsrettich bezeichnet, ist eine essenzielle Kulturpflanze aus der Familie der Kreuzblütler. Anders als der bekannte Gartenrettich bildet er keine dicke Speiseknolle, sondern wird in Mitteleuropa fast ausschließlich als hochwirksame Zwischenfrucht angebaut. Agronomisch glänzt er durch seine extreme Durchwurzelungskraft zur Bodenverbesserung (Melioration) und als phytosanitärer Problemlöser zur biologischen Bekämpfung von bodenbürtigen Nematoden in intensiven Fruchtfolgen.
Informationskategorien zu dieser Ackerpflanze/Feldfrucht
Ackerpflanze-Steckbrief „Ölrettich“
- Botanischer Name: Raphanus sativus var. oleiformis
- Deutscher Name: Ölrettich
- Familie: Kreuzblütler (Brassicaceae)
- Gattung: Rettiche (Raphanus)
- Weitere Namen: Meliorationsrettich
- Lebensdauer: einjährig (sommerannuell, abfrierend)
- Wuchsform: krautig, aufrecht mit stark ausgeprägter Pfahlwurzel
- Wuchshöhe: 50 bis 100 cm
- Blütezeit: Juni bis Oktober (stark abhängig vom Aussaattermin)
- Fruchtreife/Ernte: Spätsommer bis Herbst (bei seltener Samennutzung)
- Standort/Boden: sehr anpassungsfähig, trockentolerant
- Landwirtschaftlicher Nutzen: Gründüngung, biologische Nematodenbekämpfung, Erosionsschutz, seltener Grünfutter oder Ölgewinnung
Bestimmung/Beschreibung der Ackerpflanze
Auf dem herbstlichen Acker bildet der Ölrettich schnell schließende, sattgrüne Bestände, die später mit einem lockeren, meist weiß bis zartviolett blühenden Blütenmeer überzogen sind.
Vegetative Merkmale (Wurzel, Stängel, Blätter)
- Wurzel: Der Ölrettich besitzt das kräftigste Wurzelsystem aller landwirtschaftlich genutzten Kreuzblütler. Er treibt eine massive Pfahlwurzel bis zu 150 cm tief in den Boden, durchbricht dabei Bodenverdichtungen (Pflugsohlen) und bildet ein dichtes Feinwurzelnetz. Ein typischer, dicker Rübenkörper fehlt meist oder ist je nach Sorte nur rudimentär im obersten Bodenhorizont ausgeprägt.
- Stängel: Die Stängel wachsen aufrecht, sind oft leicht borstig behaart und verzweigen sich im oberen Bereich stark.
- Blätter: Die grundständigen Blätter sind fiederschnittig, rauhaarig und bilden im Jugendstadium eine schnell bodendeckende Rosette.
Generative Merkmale (Blüte & Frucht)
- Blüte: Die typisch vierzähligen Kreuzblüten stehen in lockeren Trauben. Die Kronblätter sind weiß, hellgelb oder weisen oft auffällige violette bis rötliche Aderungen auf.
- Frucht/Samen: Es entwickeln sich rübenartige Schoten, die stark ölhaltige Samen bergen. Das Tausendkorngewicht (TKG) variiert zwischen 3 und 7 Gramm. Die Samen sind extrem kältetolerant und keimen bereits bei 2 bis 3 °C Bodentemperatur.
Verwechslungsgefahren:
- Im vegetativen Zwischenfruchtstadium wird er häufig mit dem Weißen Senf (Sinapis alba) verwechselt. Senf besitzt jedoch ein deutlich flacheres Wurzelsystem und blüht intensiver rein gelb.
Anbau der Ackerpflanze/Feldfrucht
Standortbedingungen: Der Ölrettich ist standorttolerant und kommt mit normalen Nährstoff- und Wasserverhältnissen sehr gut zurecht. Durch seine tiefe Pfahlwurzel zeigt er eine hervorragende Trockenheitsresistenz und erschließt Wasser- und Nährstoffreserven aus tiefen Bodenschichten.
Aussaat & Pflege: In Mitteleuropa erfolgt der Anbau primär als Sommerzwischenfrucht nach der Getreideernte (Mitte bis Ende August). Die Saatgutmenge liegt bei etwa 20 kg/ha, die Saattiefe bei 1 bis 2 cm. Aufgrund der rasanten Jugendentwicklung beschattet er den Boden zügig, unterdrückt Beikräuter effizient und schützt vor Bodenerosion. Pflegemaßnahmen sind nicht erforderlich.
Ernte & Einarbeitung: Eine klassische Ernte findet im Zwischenfruchtbau nicht statt. Die Pflanze ist frostempfindlich und friert bei Temperaturen von -10 bis -12 °C sicher ab. Die mürben Pflanzenrückstände verbleiben als organischer Mulch auf dem Feld und ermöglichen im Frühjahr oft eine schonende pfluglose Bodenbearbeitung oder Direktsaat der Hauptfrucht.
Mein Feldpflanzen ❤️ Buch-Tipp:
Die Geheimnisse unserer Äcker entdecken! Detailliertes Wissen über Feldfrüchte und ihre wilden Begleiter.
* Amazon-Affiliate-Link (Werbung): Wenn du über diesen Link kaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Der Preis bleibt für dich gleich
Nutzung der Ackerpflanze/Feldfrucht
Ernährung & Inhaltsstoffe: Die Samen des Ölrettichs weisen einen hohen Gehalt an fettes Öl auf. Alle Pflanzenteile sind zudem reich an Glucosinolaten (Senfölglycosiden) und Bitterstoffen.
- Ökologischer/Landwirtschaftlicher Nutzen (Gründüngung): Die Hauptnutzung. Er schließt verdichtete Böden biologisch auf, konserviert Nährstoffe über den Winter und reichert nach dem Abfrieren wertvollen Humus an.
- Phytosanitärer Nutzen (Nematodenbekämpfung): Speziell gezüchtete, resistente Sorten dienen als aktive „Fangpflanzen“ (siehe Zusatzinformationen).
- Tierfutter: Aufgrund der scharfen Senföle und Bitterstoffe fressen Rinder und Schafe den frischen Ölrettich eher unwillig. Soll er dennoch als Grünfutter dienen, ist ein Schnitt nach der Blüte (im Schotenstadium) ratsam, da der Bitterstoffgehalt dann abnimmt.
Geschichte & Entwicklung
Ursprung & Domestizierung: Wie der Name verrät, wurde diese Varietät des Rettichs historisch nicht als Gemüse, sondern zur Gewinnung von Pflanzenöl domestiziert. Bereits der antike römische Gelehrte Plinius der Ältere berichtete über den systematischen Anbau zur Ölgewinnung im alten Ägypten.
Historische Bedeutung: Während Ölrettich in Asien (insbesondere in China und Japan) in geringem Umfang bis heute zur Ölgewinnung kultiviert wird, hat sich sein Anbauzweck in Europa fundamental gewandelt. Hier hat er seine Bedeutung als Öllieferant an den ertragreicheren Raps verloren und dient nun exklusiv als hochspezialisierte Dienstleistungspflanze für die Ackerhygiene und Bodenstruktur.
Zusatzinformationen & Wissenswertes
Biologische Bekämpfung von Rübennematoden
Der agronomisch wertvollste Aspekt des Ölrettichs in Rübenfruchtfolgen ist seine Funktion als Fangpflanze für Zystennematoden (insbesondere Heterodera schachtii). Die Wurzel-Exsudate des Rettichs locken die Nematodenlarven an, welche in die Wurzel eindringen. Moderne, hochresistente Ölrettichsorten verhindern jedoch durch spezielle Zellreaktionen die Ausbildung der weiblichen Zysten. Die Nematoden sterben ab, ohne sich fortzupflanzen. So lässt sich der Schädlingsdruck im Boden auf natürliche Weise massiv und nachhaltig senken.
Vermeidung von Eisenfleckigkeit bei Kartoffeln
Ein weiterer phytosanitärer Vorteil zeigt sich im Kartoffelanbau: Das gefürchtete Tabak-Rattle-Virus (TRV), welches die qualitätsmindernde „Eisenfleckigkeit“ im Kartoffelfleisch verursacht, wird durch freilebende Wurzelnematoden übertragen. Eine Gründüngung mit Ölrettich unterbricht diesen Infektionszyklus, da die Pflanze ein schlechter Wirt für den Nematoden-Virus-Komplex ist, was die Qualität der nachfolgenden Kartoffelernte sichert.
Vorsicht bei starker Rettichbildung
Obwohl es sich beim Ölrettich nicht um eine klassische Knollenfrucht handelt, neigen einige ältere Sorten dazu, im obersten Bodenhorizont doch stärkere Rübenkörper (eine „Rettichbildung“) auszuformen. Wenn diese fleischigen Wurzelhälse im Winter nicht vollständig abfrieren, können sie bei der Saatbettbereitung im Frühjahr (z. B. vor Zuckerrüben) störend wirken und als „Unkraut“ in der Folgekultur wieder austreiben. Bei der Sortenwahl greifen Landwirte daher heute bevorzugt zu Sorten mit extrem geringer Neigung zur Rettichbildung.
Videobeitrag zu „Ölrettich“
Video folgt!
Mein Feldpflanzen ❤️ Buch-Tipp:
Die Geheimnisse unserer Äcker entdecken! Detailliertes Wissen über Feldfrüchte und ihre wilden Begleiter.
* Amazon-Affiliate-Link (Werbung): Wenn du über diesen Link kaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Der Preis bleibt für dich gleich
Quellen und weitere Informationen
- Ackerpflanzen und Feldfrüchte – von Margot Spohn
- www.landwirtschaft-bw.info – Kulturpflanzen im Ackerbau
- de.wikipedia.org – voll mit Baum & Strauch-Wissen
- www.lko.at – Wissensbeiträge der Landwirtschaftskammer
- www.biolib.de (Illustrationen von Bäumen & Sträuchern)
- viele weitere Webseiten & Bücher/Büchlein über Ackerpflanzen, Feld- & Zwischenfrüchte
Hilf das Lexikon zu erhalten! 🙏
Kleine Dinge für dich, große Hilfe für mich & das Wildkräuter-Lexikon!
Mehr Ackerpflanzen, Feld- und Zwischenfrüchte
Ackerpflanzen & Zwischenfrüchte Lexikon | Übersicht A-Z
Als Ackerpflanzen/Feldfrüchte werden die Kulturpflanzen, die auf Feldern angebaut werden, bezeichnet. Hier findest du ALLE im Lexikon beschriebenen Ackerpflanzen & Feldfrüchte auf einen Blick …









