⏱️ Ca. 10 Min. Lesezeit
Gewöhnlicher Giersch – Bestimmen, sammeln und verwenden
Steckbrief, Bilder & Beschreibung der Pflanze sowie ihrer essbaren Teile und deren Nutzen für Ernährung und Gesundheit
Der Gewöhnliche Giersch polarisiert wie kaum eine andere heimische Wildpflanze: Von Gartenbesitzern oft als unausrottbares, lästiges Unkraut gefürchtet, wird er von Kennern als überaus schmackhaftes, gesundes und massenhaft verfügbares Wildgemüse geschätzt. Als einziger in Europa heimischer Vertreter seiner Gattung aus der Familie der Doldenblütler (Apiaceae) ist er ein wuchsfreudiger Überlebenskünstler, der besonders auf stickstoffreichen Böden in Wäldern, Gebüschen und Gärten dichte Teppiche bildet.
Informationskategorien zu dieser Wildpflanze
Wildpflanzen-Steckbrief „Gewöhnlicher Giersch“
- Botanischer Name: Aegopodium podagraria
- Deutscher Name: Gewöhnlicher Giersch
- Familie: Doldenblütler (Apiaceae)
- Gattung: Giersch (Aegopodium)
- Andere Namen: Geißfuß, Zipperleinskraut, Zaun-Giersch, Podagrakraut, Dreifuß
- Lebensdauer: mehrjährig (ausdauernd krautig)
- Wuchsform: aufrecht, flächig wuchernd
- Wuchshöhe: 50 bis 100 cm
- Wurzelwerk: weit kriechendes, stark wucherndes und brüchiges Rhizom (bis 50 cm tief)
- Blütezeit: Juni bis Juli
- Blütenstand: flacher, 12- bis 25-strahliger, doppeldoldiger Blütenstand ohne Hüllblätter
- Fruchtreife: Juli bis September
- Boden/Standort: stickstoffreiche, schattige bis halbschattige feuchte Böden in Laubwäldern, Gebüschen und Gärten
- Hauptinhaltsstoffe: Vitamin C, Provitamin A, Kalium, Magnesium, Calcium, Zink, Kupfer, Eisen, pflanzliches Eiweiß
- Giftigkeit: ungiftig (in allen Pflanzenteilen)
Bilder & Fotos „Gewöhnlicher Giersch“
Wildpflanzen & Wildkräuter bestimmen mit Fotos (©) von pflanzen-vielfalt.NET. Die folgenden Bilder/Fotos zeigen dir die Pflanze im Jahres- bzw. Lebensverlauf und ermöglichen eine Bestimmung über den gesamten Zeitraum.
Bestimmung/Beschreibung der Wildpflanze
Die sichere Bestimmung von Giersch ist lebenswichtig, da er zur Familie der Doldenblütler gehört, die hochgiftige Doppelgänger beinhaltet. Das zuverlässigste Erkennungsmerkmal ist sein Blattstiel in Kombination mit der Blattform.
Vegetative Merkmale (Blätter & Stängel)
- Stängel & Blattstiel: Der kahl-grüne Stängel ist kantig gefurcht. Das absolut wichtigste Merkmal ist der Blattstiel: Er ist im Querschnitt dreikantig. Dabei ist eine Kante flach abgerundet und die gegenüberliegende Seite deutlich rinnenartig (konkav) eingezogen (U-förmige Rinne).
- Blattform: Die Blätter sind meist doppelt dreizählig oder zweifach gefiedert (Merkspruch: „Drei mal drei ist Giersch“).
- Fiederblätter: Sie sind eiförmig-länglich, asymmetrisch geformt und besitzen einen deutlich gesägten Rand.
Generative Merkmale (Blüte & Frucht)
- Blütenstand: Eine Doppeldolde mit 12 bis 25 Doldenstrahlen. Ein wichtiges Detail: Es fehlen sowohl die Hüllblätter (an der Basis der Hauptdolde) als auch die Hüllchenblätter (an der Basis der Döldchen).
- Blüten: Weiß, recht unscheinbar und fünfzählig.
- Frucht: Eine kümmelähnliche, ungeflügelte, 3 bis 4 mm lange Doppelachäne (Spaltfrucht).
Verwechslungsgefahren:
- Gefleckter Schierling (stark giftig): Unterscheidet sich deutlich durch einen rundlichen, oft rotgefleckten Stängel (ohne die dreikantige Rinne des Giersch) und feinere, farnähnliche Blätter. Riecht oft unangenehm nach Mäuse-Urin.
- Hundspetersilie (stark giftig): Hat stark glänzende Blätter (Giersch ist eher matt) und ebenfalls einen rundlichen Stängel. Zudem hat sie charakteristische, lange, nach unten hängende Hüllchenblätter an den Blütenständen.
- Breitblättriger Merk (giftig): Wächst fast ausschließlich direkt im oder am Wasser, der Stängel ist rundlich und hohl.
Mein Bestimmung ❤️ Buch-Tipp:
Dieses Buch garantiert schnelles und sicheres Bestimmen durch die bewährte Einteilung nach Blütenfarbe und Blütenform und mehr als 2.000 naturgetreuen Zeichnungen.
* Amazon-Affiliate-Link (Werbung): Wenn du über diesen Link kaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Der Preis bleibt für dich gleich.
Heilwirkung & medizinische Nutzung
Heilpflanzen-Steckbrief:
- Droge: Aegopodii podagrariae herba (Gierschkraut)
- Inhaltsstoffe: Ätherische Öle, Vitamin C, Kalium, Flavonoide
- Monographie-Status: Keine (weder HMPC noch Kommission E)
Für den Giersch gibt es in der evidenzbasierten Schulmedizin keine anerkannten Indikationen. Obwohl er wertvolle Nährstoffe und eine mild entwässernde Wirkung aufweist, findet man ihn in den modernen Arzneibüchern nicht mehr.
In der Volksheilkunde hingegen hat der Giersch eine lange Tradition, was sich schon in Trivialnamen wie „Zipperleinskraut“ oder „Podagrakraut“ niederschlägt. Er wurde historisch stark zur Behandlung von „Podagra“ (Gicht im Fuß) sowie bei Rheuma, Ischias und Arthritis eingesetzt. Die frischen Blätter wurden hierfür oft zu einem Brei zerstoßen und äußerlich als Umschlag auf schmerzende Gelenke gelegt, oder innerlich als Tee getrunken, um krampflösend, blutreinigend und harnsäuretreibend zu wirken. Auch bei Skorbut leistete er früher wegen seines hohen Vitamin-C-Gehaltes hervorragende Dienste.
👉 Wichtiger Hinweis zur Heilwirkung: Viele Wildpflanzen werden seit Langem in der Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) und in der Volksheilkunde verwendet. Auf diesen Seiten erfährst du, was über ihre Anwendung bekannt ist – und wie gut es belegt ist: Steht eine Monographie (HMPC oder Kommission E) dabei, wurde die Anwendung fachlich bewertet. Formulierungen wie „traditionell“, „in der Volksheilkunde“ oder „der Überlieferung nach“ bedeuten, dass ein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis fehlt. Angaben zur Homöopathie beschreiben nur die Verwendung, keine nachgewiesene Wirkung.
Diese Informationen sind keine medizinische Beratung und ersetzen nicht den Rat von Ärztin, Arzt oder Apotheke. Selbst gesammelte Kräuter sind keine geprüften Arzneimittel: Ihr Wirkstoffgehalt schwankt, und Verwechslungen sind möglich. In Schwangerschaft und Stillzeit, bei Kindern, bei Vorerkrankungen und bei Einnahme von Medikamenten wende Heilpflanzen nur nach ärztlicher Rücksprache an.
Weiterführende Fachliteratur findest du in meiner Buchtipp-Ecke „Medizin & Heilung“. Ein bewährtes Nachschlagewerk ist „Das große Buch der Heilpflanzen“ * von Apotheker M. Pahlow. Er beschreibt die Pflanzen aus Sicht der Phytotherapie und der Volksheilkunde und geht auch auf die Homöopathie ein.
* Affiliate-Link (Werbung): Kaufst du über diesen Link ein, erhalte ich eine kleine Provision, die dieses Projekt unterstützt. Für dich ändert sich der Preis nicht. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.
Mein Medizin ❤️ Buch-Tipp:
Wissenswertes über 300 einheimische und fremdländische Heilpflanzen, ihre Inhaltsstoffe, Anwendung und Heilwirkung.
* Amazon-Affiliate-Link (Werbung): Wenn du über diesen Link kaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Der Preis bleibt für dich gleich.
Essbarkeit & Verwendung in der Küche
Kulinarisches Profil: Giersch ist eines der besten und mildesten Wildgemüse. Sein Aroma erinnert im frischen Zustand an Petersilie mit einer leicht harzigen Karotten- oder Mango-Note. Gekocht verliert er das kräftige Aroma und schmeckt hervorragend, sehr ähnlich wie milder Spinat.
- Blätter & Triebspitzen (Frühjahr bis Herbst): Die jungen, glänzenden, noch nicht ganz entfalteten Blätter sind roh ideal für Salate, Smoothies oder Pesto. Ältere Blätter können wie Spinat gedünstet oder in Suppen, Eintöpfen und Quiches verwendet werden.
- Stängel: Die Blattstiele, besonders von älteren Blättern, können bitter und zäh sein. Für den kulinarischen Genuss sollten sie am besten entfernt werden.
- Blüten (Sommer): Die feinen, würzigen Blüten eignen sich wunderbar als essbare Dekoration, für Saucen oder als würzige Einlage in klaren Suppen.
- Samen (Spätsommer): Die aromatischen, kümmelähnlichen Früchte lassen sich frisch oder getrocknet als Gewürz verwenden.
Giersch ist essbar und extrem gesund, gehört aber zur Familie der Doldenblütler, die einige der giftigsten Pflanzen Europas (wie Schierling und Hundspetersilie) umfasst. Sammle Giersch nur, wenn du ihn zu 100 % sicher identifizieren kannst. Prüfe vor dem Verzehr immer zwingend den Blattstiel: Er muss den typischen dreikantigen Querschnitt mit der u-förmigen Vertiefung an der Oberseite aufweisen (rund = stehen lassen!).
👉 Wichtiger Hinweis zum Sammeln & Verzehr: Sammle und iss nur Wildkräuter, die du zu 100 % sicher bestimmen kannst. Eine Verwechslung mit giftigen Doppelgängern kann lebensgefährlich sein. Die Nutzung erfolgt auf eigene Gefahr. Bei Verdacht auf eine Vergiftung sofort Hilfe holen – in Österreich Rettung 144 oder Vergiftungsinformationszentrale 01 406 43 43, in der Schweiz 145, in Deutschland 112 oder den Giftnotruf deines Bundeslandes.
So sammelst du richtig: Sammle abseits stark befahrener Straßen, gespritzter Felder und Hundewiesen, wasche alles gründlich und nimm nur so viel, wie du brauchst. Geschützte Pflanzen sind tabu: Beachte die Naturschutzbestimmungen deines Bundeslandes, und grabe Wurzeln nur mit Erlaubnis des Grundeigentümers aus. Probiere neue Pflanzen zuerst in kleinen Mengen – vor allem, wenn du zu Allergien neigst.
Rezepte findest du hier bewusst nicht. Für die Küche empfehle ich dir diese ausgewählten Wildkräuter-Kochbücher.
Wer sich für Survival und Notnahrung interessiert, findet in den Büchern und Kursen von Johannes „Joe“ Vogel * praxisnahes Wissen dazu. Der Wildnispädagoge zeigt, wie man sich aus den Ressourcen der Natur versorgen kann.
* Affiliate-Link (Werbung): Kaufst du über diesen Link ein, erhalte ich eine kleine Provision, die dieses Projekt unterstützt. Für dich ändert sich der Preis nicht. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.
Mein Kochen/Küche ❤️ Buch-Tipp:
Infos über Vorkommen, Blütezeit und Verwendung in der Küche, Ernährung und Medizin von 2000 Pflanzen- & Baumarten!
* Amazon-Affiliate-Link (Werbung): Wenn du über diesen Link kaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Der Preis bleibt für dich gleich.
Geschichtliches zu dieser Wildpflanze
Die etymologische Spur: Von Ziegenfüßen und Gichtzehen
Der wissenschaftliche Name Aegopodium podagraria ist ein kleines Stück erzählte Medizingeschichte. Der Gattungsname setzt sich aus den griechischen Wörtern aigeos (Ziege) und pous/podos (Fuß) zusammen, was auf die charakteristische Form der Blätter anspielt, die botanisch an den Abdruck eines Ziegenhufes erinnern. Der Artname podagraria verweist dagegen direkt auf seine historische Hauptanwendung: „Podagra“ ist der alte, heute noch in der Medizin gebräuchliche Begriff für einen akuten Gichtanfall im Großzehengrundgelenk. Die Pflanze war also schlicht das „Ziegenfuß-Gichtkraut“.
Der Albtraum des Gärtners: Überlebensstrategie Rhizom
Als sogenannter Hemikryptophyt hat der Giersch eine hochwirksame Überlebensstrategie entwickelt. Er bildet extrem brüchige, weiße Rhizome (unterirdische Sprossachsen), die sich teppichartig tief im Boden ausbreiten. Mechanisches Hacken, bei dem die Wurzeln in Stücke geteilt werden, verschlimmert das Problem im Garten oft nur, da aus jedem verbliebenen Rhizomstück eine neue Pflanze austreibt. Auch handelsübliche Herbizide erfassen meist nicht das gesamte unterirdische Netzwerk. Das beste Mittel gegen Giersch ist daher Geduld: Durch ständiges Abernten der Blätter wird die Pflanze auf Dauer ausgehungert. Alternativ kann er durch schnell wachsende, dicht belaubte Kulturen wie Kartoffeln „weggeschattet“ werden, die ihm Licht und Nährstoffe rauben. Wer sich den Kampf sparen will, isst ihn einfach auf!
Videobeitrag zu „Gewöhnlicher Giersch“
Weitere Bestimmungsvideos für den Gewöhnlichen Giersch findest du auf dem YouTube-Kanal von pflanzen-vielfalt.NET. Begleite dieses Wildkraut durch die Jahreszeiten und lerne es anhand der Blätter, Blüten und Früchte ganzjährig zu bestimmen. Auch viele weitere heimische (essbare) Wildpflanzen, Bäume und Sträucher werden für Bestimmung und Nutzung näher gebracht.
Quellen und weitere Informationen
- Enzyklopädie Essbare Wildpflanzen – von Steffen Guido Fleischhauer
- Essbare Wildpflanzen – 200 (essbare & giftige) Arten bestimmen und verwenden
- de.wikipedia.org – voll mit Wildkräuter & Wildpflanzen-Wissen
- www.biolib.de (Illustrationen von Wildkräutern und anderen Pflanzen)
- www.floraweb.de – Botanikseite vom Bundesamt für Naturschutz (BfN)
- viele weitere Webseiten & Bücher/Büchlein über essbare/giftige Wildpflanzen
Mehr essbare & giftige Wildkräuter & Pflanzen
Essbare & giftige Wildpflanzen A-Z
Online Lexikon Hauptübersicht. Hier findest du ALLE beschriebenen (essbaren & giftigen) Wildkräuter, Wiesenkräuter, Wildblumen & Pflanzen auf einen Blick!






